"Sie sind so hässlich, sie könnten glatt ein modernes Kunstwerk sein!"

Aug 21, 2018 21:33

Darf man sich 'mal über die aktuelle Hässlichkeit deutschsprachiger Musik beschweren?
Wenn es nicht gerade übermäßig kitschiger Schlager ist, der eigentlich nur den kommerziellen Ast von Dance-Music kopiert, dann existiert zur Zeit nur ein großes vor sich hin Gejammer, was als "Gesang" verkauft wird, obendrein geht es dabei um nichts von Bedeutung, nichts von wirklichem Inhalt, und die können nicht einmal einen einzigen vernünftigen Reim von sich geben. Ihre musikalische Begleitung dazu ist mindestens genauso trivial wie uninnovativ und wirkt, als wäre sie blind aus ein paar Sounds zusammengeschustert, manchmal hat sich vielleicht noch einer vom Anfängerkurs für Gitarre und Schlagzeug von der Musikschule dazwischen eingeschlichen.
Wenn bei der Mischung immer noch nichts herausgekommen ist, bei der man vor Hässlichkeit und Geschmacklosigkeit anfängt zuzuhören, weil es als ein störendes Umgebungsgeräusch bemerkt wird, wird dann noch zur Krönung der "Gesang" mit Vocoder ins Metallische verzerrt, damit die Geschmacklosigkeit entgültig perfekt ist.
Und jeder, der einen Hauch von Rhythmusgefühl oder Ästetik hat, denkt sich angesichts dieses Klangbildes: Welche Amateure hat man denn dort mit Instrumenten und Tonstudio-Equipment versorgt, damit sie ihre Talentlosigkeit auf die Menschheit loslassen können?!
Deutsche Sprache klang noch nie so hässlich - ach, eigentlich generell klangen Geräusche, die Menschen aus ihrer Kehle von sich geben, noch sie hässlich inszeniert...

Das Schlimmste daran ist: Irgendein unerfahrenes Publikum, welches noch nichts von der Welt weiß, sich aber für unbeschreiblich cool hält, steht auch noch auf diesen Mist und gibt sogar Geld dafür aus, als sei es hohe Kunst (oder sie holen es sich gratis von YouTube, weils vielleicht eh daher kommt (?), und verbreiten es so). Diejenigen, die immer mit einem aufrissenen USB-Lautsprecher in der Umhängetasche herumrennen.
Man hat sich angesichts des House-Trends schon in den vorherigen Jahren gesagt "ein House-Beat macht einen Song noch lange nicht schöner, nur weil es gerade in ist", weil damit jegliche Form von Musik in absurde Persiflage verwandelt wurde, aber diese Form von Hässlichkeit steht dem in nichts nach. Gar nicht zu schweigen von musikalischer Kompetenzlosigkeit.

In gewisser Weise ähnelt diese geistlose, triviale Herumjammerei alias "Gesang" der Schlagerwelt der ersten Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg - um Gottes Willen, lasst uns uns alle mit Kitsch überhäufen, keine schlechten Erinnerungen wecken und bloß nicht zum Nachdenken kommen! Party, Make-up und schöne glitzernde Klamotten so weit das Auge reicht. Die Sonne, sie scheint so hell! - Sie verbrennt uns schon fast...
Good vibrations an allen Orten, bitte sehr!
Ach ja - das "Yeah, yeah, yeah" (und Mr. Sandman) aus Amerika war doch auch nichts anderes, oder?
Die Weltrevolution entsprang einer Boyband und einem Mann mit Hüftschwung, die allesamt auf "Schwiegermuttis Liebling" getrimmt wurden... (Ob mit oder gegen ihren Willen.)
Nette Revolution aus dem Hause "wir wollen, dass sich nichts ändert, und dass aus der Jugend genau solche Spießer werden wie wir".
Zurück aber zum deutschen "Problem": Angesichts dieses harmoniebdürftigen und vergnüngungssüchtigen Zirkus wundert es einen, dass es so lange brauchte, bis es die Grufties gab, die dieser heilen Welt einen kleinen, aber nachhalten, Riss verpassten. Rock und seine Ableger schafften es zwar, dem Tralala auch etwas zuzusetzen, aber bitte, womit taten sie es denn? Ebenfalls Vergnügungssucht und danach mit Frauen und Drogen. Zeitgenössischer Kitsch nur vom Gegenteil aus besungen... Und mit den Jahren, wenn die Gesundheit und die Geldquellen ausgetrocknet wurden, war es für die Musiker mit diesem Leben auf vorbei. Als Vorbild für etwas anderes konnte dies auch nicht dienen.
In der DDR verlief diese Musikszene auch noch etwas anders, weil Realsozialismus nicht gerade Gammler- und verschwenderischen Lebensstil befördert, aber wie weit hat das gereicht? Wen haben die auf größerer Ausdehnung erreicht? Selbst heute noch sind die meisten (noch übrig gebliebenen) Bands nicht im westdeutschen Kultursektor verankert. Nachschub der Sorte kommt auch nicht mehr, weil die Verhältnisse auf der Landkarte sich geändert haben. Darüber hinaus - welche soziale Weltrevolution kam von ihnen?
Die gleiche wie von allen anderen Rockern weltweit, die ihre Musik etwas zu wichtig einschätzen für den Kurs der Welt. Viel gespielt, nichts bleibt - und das Publikum, was sich daran als "Revolution" ergötzt, wird alt und stirbt. Die Fußspuren verblassen schnell.
Es musste erst richtig dunkel und wütend werden, damit dieses scheinheilige Getue ein für alle Mal auf den kurzen und absteigenden Ast geschoben wird, auf den es mit seiner Zeitwiligkeit gehört.

Dass man meint, es jetzt wieder zu brauchen, spricht eigentlich Bände über die Situation, in der sich das Land sozial befindet. Ebenso über sein kulturelles Niveau - sein mentales und sein intellektuelles Niveau.
Ist das das, was Scripted Reality nach etwa 10 Jahren hinterlässt? Oder kommt das von ganz allein?
Oder war es irgendwann unerträglich, als einzige deutschsprachige Musik nur noch Gangster-Rap zu hören? Und war man nicht fähig, etwas besseres als altbackenes Tralala hervorzubringen?
Es gab mal Zeiten, da konnten die Deutschen passablen Techno machen - dafür braucht man nämlich nicht zwingenderweise Gesang... Aber das ist auch schon lang her.

Was deutschsprachige Musik braucht, ist ein dringendes Upgrade in Sachen Niveau als auch Talent! (Die, die jedenfalls von größeren Massen konsumiert wird.)
Ehrlich gesprochen: Wenn das sein "Bestes" sein soll, dann ist es mindestens ein Witz.
Das Land der Dichter und Denker? Goethe und Beethoven würden im Boden versinken...
Melodien, aber keine Dichtkunst - Rhythmus - was ist das?! - Inhalt: Wie, verdammt noch mal, generiert man Inhalt?! - Metrum, ist das eine neue Droge oder war das noch 'mal was aus dem Altenheim? - Reim: Hieß der nicht noch mal Matthias? Ach, den singen wir doch gerne mit!
Warum besingt man eigentlich nicht seine Haare (das gab's auch schon mal, alteingesessene DSDS-Freunde wissen das) - oder wie Taio Cruz vor Jahren seinen Kater ("Hangover")?
Dann ist man wenigstens auf dem Tiefpunkt des altbekannten Ballermann-Schlagers angekommen und es gibt kein Süßholzgeraspel mehr darum, dass man doof ist und es genießt.
Die Welt darf sich dann aber auch bitteschön über die Deutschen totlachen... (Sorry, Falco, Die Ärzte und Rammstein - und sogar Tokio Hotel (wenn es die noch gibt)!)

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